Wie war das jetzt nochmal mit dem Körperbild?

Julia Tanck hilft uns weiter

Körperbild. Das hat man doch schon mal irgendwo gehört. Aber was ist das eigentlich genau? 

Wir haben für Euch einmal genauer nachgefragt und uns mit einer Spezialistin für Ess- und Körperbildstörungen unterhalten. 

Julia Tanck ist psychologische Psychotherapeutin in einer Klinik in Hamburg. Darüber hinaus forscht sie an der Universität Osnabrück zum Körperbild und dessen Zusammenhang mit Essstörungen. 

Auch außerhalb des Kontexts “Essstörung”  ist das Körperbild interessant. Besonders in Zeiten von Instagram & Co. werden wir alle ständig von Bildern vermeintlich idealer Körper überflutet. Aber was macht das mit uns und unserem Körperbild? 

Zunächst eine kurze Einordnung für Euch: Das Körperbild ist ein Teil des Selbstkonzepts, also der kognitiven Repräsentation der eigenen Person. Zum Selbstkonzept gehören unter anderem auch  Ziele, Bedürfnisse, Eigenschaften und Fähigkeiten. Also quasi das, was Ihr über Euch selbst denkt. Und das ist keineswegs in Stein gemeißelt – das Selbstkonzept kann nämlich von uns beeinflusst und verändert werden. 

Wer von Euch sich jetzt sagt – ja super, dann denke ich jetzt einfach anders über meinen Körper und alles ist gut – so leicht ist das leider nicht. Vor allem, weil bezüglich des Selbstkonzepts (und damit auch des Körperbildes) viele unbewusste Prozesse eine große Rolle spielen. Und um diese zu identifizieren, müssen wir uns zunächst anschauen, wie unser Körperbild eigentlich entsteht. 

Das Körperbild selbst gliedert sich auf in drei Komponenten. Die Wahrnehmung des Körpers, körperbezogene Gedanken & Gefühle (z.B. die körperbezogene Unzufriedenheit) sowie das Verhalten, das im Zusammenhang mit dem Körperbild steht. Hier lässt sich das sogenannte Body Checking einordnen, also Verhaltensweisen, die z.B. das Gewicht, die Form bestimmter Körperteile oder die Größe der Muskeln überprüfen. 

 

Unser gesamtes eigenes Körperbild wird davon beeinflusst, was wir für den perfekten und erstrebenswerten Körper halten (Stichwort: Instagram-Fotos). Dieses Schönheitsideal ist nicht fest oder unveränderlich. Vielmehr ist es von vielen Komponenten abhängig, wie der Zeit, in der wir leben (im Mittelalter waren zum Beispiel füllige Körper das angesagte Schönheitsideal) oder dem Geschlecht. Hier haben wir Julia gefragt, was es denn für geschlechtsspezifische Unterschiede im Körperbild und dem damit verbundenen Body Checking gibt. 

Sie erklärt uns, dass für Frauen das Ideal „Schlank“ am Relevantesten ist. Body Checking Strategien seien hier vielfältig – z.B. Abmessen der Oberarme (dabei ist nicht die Muskelmasse sondern der Umfang relevant), wiegen, in den Bauch kneifen oder testen, ob man das Handgelenk der einen mit den Fingern der anderen Hand umschließen kann. Auch die „Thigh Gap“ (ein Spalt zwischen den Oberschenkeln) sei für viele erstrebenswert. Aktuell könne man prinzipiell einen Wandel Richtung eines athletischen Körpers (also Six Pack, muskulöse Oberarme) beobachten, trotzdem dominiere das Schlankheitsideal auch jetzt noch.

Bei Männern ist laut Julia das Ideal muskulös zu sein, was z.B. mit dem Messen des Umfangs der Oberarme überprüft wird. Generell sei ganz wichtig: Body Checking bezieht sich meist auf negativ erlebte Körperteile, also die „Problemzonen“ – das, was einem eher nicht gefällt. 

Das klingt alles erstmal sehr einleuchtend. Das Körperbild wird also maßgeblich von vorherrschenden Körperidealen beeinflusst und durch unser eigenes Body Checking gefestigt. Ich kann auch von mir selbst sagen, dass ich die eine oder andere der erwähnten “Body Checking Strategien” schon mal angewendet habe. Und ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass die “Thigh Gap” mir schon von Freundinnen aus der Mittelstufe ein Begriff ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Euch da nicht anders geht. 

Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? Das ist so einfach nicht zu beantworten, da viele Faktoren einen Einfluss darauf haben, ob sich ein solches Verhalten noch im Bereich des Normalen bewegt oder pathologisch (als Störung eingestuft mit Bedarf von klinischer Behandlung) ist. Ein Aspekt sind hier auch die Gedanken und Gefühle, die Ihr während dieser Body-Checking Verhaltensweisen habt, also die kognitiv-affektive Komponente des Körperbildes. 

Hier ist besonders die körperbezogene Unzufriedenheit relevant, was logisch erscheint, da es vermutlich weniger negative Konsequenzen nach sich zieht, wenn man sich wiegt und sehr zufrieden mit der angezeigten Zahl ist. Körperbezogene Unzufriedenheit kann dazu führen, dass man ein negativeres Körperbild entwickelt – und dass das auch so bleibt. Julia erklärt uns, dass Unzufriedenheit generell weit verbreitet sei, auch außerhalb der klinischen Population (also Menschen, die zum Beispiel mit einer Essstörung diagnostiziert wurden). 70-80% der Frauen – zumindest bezogen auf die westliche Welt – gaben an, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein; auch der Anteil für Männer sei hoch. 

Fassen wir also zusammen: Viele Menschen sind mit ihrem Körper unzufrieden und überprüfen regelmäßig ihre Problemzonen mit hilfe von Body-Checking Verhaltensweisen. Beides lässt sich als Komponente eines negativen Körperbildes einordnen. 

Und hier wird es Julia zufolge problematisch: Körperbezogene Unzufriedenheit und ein damit verbundenes negatives Körperbild stünden in Zusammenhang mit Essstörungen bei Frauen (und teilweise auch bei Männern) sowie der sogenannten Muskeldysmorphen Störung, die hauptsächlich bei Männern diagnostiziert wird. Diese Form der körperdysmorphen Störung ist in der Praxis nicht besonders bekannt, deswegen aber nicht weniger relevant. Betroffene zeichnen sich durch ein hohes Muskelstreben aus, welches dem Schlankheitsstreben bei der Anorexie („Magersucht“) gleicht. Zudem liegt eine gestörte Selbstwahrnehmung vor, da viele Betroffene sich selbst als schmächtig wahrnehmen, obwohl sie bereits sehr muskulös sind. Muskeldysmorphie ist laut Julia  keine Störung, die man(n) entweder hat oder nicht – es handelt sich vielmehr um ein Kontinuum mit zahlreichen Abstufungen. Anfangen kann dies mit der Einnahme von Proteinshakes und einer erhöhten Aufmerksamkeit auf die Muskelmasse (hier kommen dann auch Body Checking Strategien ins Spiel) bis hin zu einer sehr starken Ernährungsveränderung, bei der theoretisch sogar auch eine Essstörung diagnostiziert werden kann.. Was hierbei sehr gefährlich ist – ebenso wie bei der Anorexie erleben die Betroffenen selbst keinen Leidensdruck, d.h. sie sehen selbst kein Problem in ihren schädlichen Verhaltensweisen und Gedanken. Zudem tritt die körperbezogene Unzufriedenheit bei Männern oft (bei 65-85%) in Kombination mit Depressionen, Anabolika- und Substanzmissbrauch sowie Angststörungen auf. 

 

 

Nochmal im Klartext – was heißt das jetzt für uns? 

Ein Großteil von Euch hat vermutlich schon einmal körperbezogene Unzufriedenheit erlebt und/oder Body-Checking betrieben. Egal wie stark oder wie oft Ihr das bei Euch schon beobachtet habt – es ist immer ein guter erster Schritt, sich das eigene Verhalten und die eigenen Gedanken & Gefühle bewusst zu machen. Das funktioniert sehr gut mit einem Tagebuch. Falls Ihr feststellt, dass Ihr exzessiv Body-Checking Verhalten betreibt und sich eure Stimmung und Zufriedenheit abhängig davon verändert, solltet Ihr überlegen, Euch tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen (z.B. indem Ihr einen Ratgeber lest) oder Euch professionelle Hilfe in Form einer therapeutischen Beratung zu suchen. 

Falls Ihr den Verdacht habt, dass Euch nahestehende Personen eventuell an einer Essstörung oder einer Körperdysmorphie leiden könnten, dann sprecht die Person darauf an. Achtet am Besten immer darauf, sehr offen und transparent zu kommunizieren, da die Betroffenen wie beschrieben oft selbst gar kein Problem wahrnehmen. 

Mehr Informationen zu Anlaufstellen und Essstörungen/Körperdismorphie allgemein findet Ihr bei der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Die Universität Osnabrück hat zudem ein spezielles Online-Therapieprogramm (“ImaginYouth”)für junge Menschen (15-21 Jahre) mit eine körperdysmorphen Störung entwickelt. Die Teilnahme ist kostenlos und anonym. Mehr Informationen findet ihr auf der Website sowie dem Instagram-Account des Programms. 

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