4. Moral ist keine Schuhcreme

Die Entwicklung der Moral

Wenn wir in diesen Tagen über moralisch korrektes Verhalten, oder über die Konsequenzen dessen nachdenken, haben wir alle schnell eine recht klare Vorstellung davon, was moralisch und was unmoralisch ist. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen das nicht so einfach ist. Über die Bewertung von Situationen hinsichtlich ihrer Moral und die Entstehung moralischer Prinzipien ist bereits an anderer Stelle breit referiert worden, damit wollen wir uns heute nicht beschäftigen. 

Betrachtet man Menschen in ihrem Verhalten, kommt man schnell zu dem Schluss, dass sie a) unterschiedlich hinsichtlich ihrer Entscheidungen und b) folglich auch hinsichtlich einer wichtigen Instanz im Entscheidungsprozess, der moralischen Komponente sind. Soweit so basal. Hier springt einem quasi die Frage an, ob der Mensch in seinen moralischen Entscheidungen völlig autonom und individuell agiert, oder ob sich Muster zwischen Menschengruppen, speziell zwischen „Kulturen“ abzeichnen. Habt ihr euch sicher auch schon gefragt. Es sei eine (mehr oder minder) befriedigende Antwort geboten.

Was ist Kultur?

Bevor wir einen Kopfsprung in die Materie wagen, sei kurz vorweggenommen, dass das Wort „Kultur“ und die Abgrenzung verschiedener Kulturen voneinander ein ebenso heikles wie heiß diskutiertes Thema ist, dessen finale Antwort noch auf sich warten lässt. Zur Veranschaulichung sei die folgende Frage zum Nachdenken eingeworfen: Niemand würde bestreiten, dass es sich bei der Kultur Frankreichs und Italiens um zwei verschiedene Kulturen handele. Aber woran macht man diesen Unterschied fest? Was ist überhaupt die Definition einer Kultur? Wann unterscheiden sich Kulturen so stark, dass man von zwei verschiedenen Kulturen und nicht von Subkulturen sprechen kann? Die Beantwortung dieser Frage gleicht einem Kampf gegen die Medusa. Wo man dem Fragenpfuhl einen Kopf abschlägt, indem man eine Frage beantwortet, sprießen sofort zwei neue hervor. 

Das Paper, mit dem sich dieser Artikel befasst, umgeht selbiges Problem recht galant, indem es zwei Kulturen vergleicht, die beim besten Willen nicht über einen Kamm zu scheren sind. Grundsätzlich ist es ein unfassbar elegantes und interessantes Stück Wissenschaft, welches sich wirklich zu lesen lohnt. Dazu aber später mehr.

Komplexes Thema – geniales Paper

Miller et al. Befassen sich in ihrem Paper „A cultural Psychologie of Agency: Morality, Motivation, and Reciprocity“ mit einem weiter gefassten Begriff der Fähigkeit sich in seiner gegebenen Umwelt zu verhalten, also selbstständig Entscheidungen zu treffen und sich autonom in sozialen Systemen zu bewegen, der sogenannten „Agency“. Diese erweiterte Definition, zur Erklärung moralischer Entscheidung entworfen, lässt eine ganze Reihe neuer Medusenköpfe entstehen, welche Miller et al. In ihrem Paper zu bekämpfen versuchen, um mal die Metapher etwas auszureizen. An diesem Paper will ich heute kulturelle Unterschiede hinsichtlich Moral beleuchten und aufzeigen, dass manche vermeintlich einfache Entscheidungsstrategien einen ganzen Rattenschwanz an Implikationen hinter sich herziehen.

Die Hydra bekämpfen

Eine erste Frage, die hier neu entstanden ist: Wie wird ganz grundsätzlich interpersonelle Moralität, also das moralisch (in-)korrekte Verhalten gegenüber anderen Personen gestaltet und gibt es hierbei kulturelle Unterschiede? Denn zum autonomen und sicheren Bewegen in einem sozialen System, gehört notwendigerweise der Einbezug der Interaktionspartner, sowie deren Ziele und Wünsche. Miller et al. beleuchten hier gezielt einen Aspekt: Hilft man, weil man sich dazu entscheidet („personal choice“), oder weil man muss („role-related duty“)? Dazu verglichen Miller et al. Angehörige der indischen und amerikanischen Kultur. Wie bereits erwähnt, zwei durchaus distinkte Kulturen.

In lebensbedrohlichen Situationen und bei Situationen die Familienmitglieder betreffen, gibt es keine kulturellen Unterschiede, man hilft weil man muss. Bei nicht akut lebensbedrohlichen Ereignissen zeigte sich jedoch interessanterweise, dass dieser verpflichtende Charakter zumindest in der Gruppe der Amerikaner empirisch variierte. Die wahrgenommene Verpflichtung zu helfen war abhängig von dem Schweregrad des Bedürfnis Dritter, der Rolle des Interaktionspartners (Geschwister, Peers, Fremde) und der Sympathie diesen gegenüber, sowie der Vereinbarkeit mit geltendem Recht. Miller et al. zogen daraus die Schlussfolgerung, dass die Bedürfnisse anderer und die damit verbundene moralische Komponente die persönliche Autonomie und Freiheit der handelnden Person beeinträchtigen und demzufolge gegen Eigeninteressen abgewogen werden. Platt ausgedrückt, nur weil man helfen kann, tut man es noch lange nicht und man kann helfen, sofern man denn will. 

Ist helfen also Gift für die Selbstbestimmung und muss man, um persönliche Freiheit zu erfahren quasi über Leichen gehen?

Hier gehts zu Teil 2!
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