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Blogartikel Nr. 4
Moral ist keine Schuhcreme Teil 2

Amerika – Land of the free?

Die nächste Frage, mit der sich Miller et al. befassten war, ob Amerikaner „verpflichtendes“ Helfen eher als Einschränkung der Selbstbestimmtheit auffassen als Inder. Herrschte eine hohe Erwartung an die amerikanischen Probanden, wurde das folgende Hilfeverhalten von der ausführenden Person als weniger befriedigend erlebt und es erfolgt bei der Investition eigener Ressourcen eine klare Kosten-Nutzen-Relation deren Kosten sich in verringerter Zufriedenheit äußern. Miller et al. erklären das mit dem bereits genannten Argument, es gebe eben eine gewisse wahrgenommene Bedrohung der Autonomie und Freiheit durch Erwartungen der anderen.

Besonders interessant war hier der Vergleich zu den indischen Probanden, für die sich solche wahrgenommenen Einschränkungen nicht zeigen ließen. Das zu entschlüsselnde Problem war, dass per Definition, Hilfeverhalten immer auf Kosten der Selbstbestimmung geht, die indischen Probanden, jedoch keine Einschränkung der Selbstbestimmung zeigten.

Millers These dazu ist, dass entgegen der Kosten-Nutzen-Relation der amerikanischen Probanden, die indischen intrinsisch motiviert waren, die Personen zu erfreuen, mit denen sie eng verbunden waren, also quasi eine Internalisation der sozialen Erwartung stattgefunden hatte. Aus dem externalen Anspruch des sozialen Umfelds, anderen zu helfen, war die Motivation der Person selbst, andere durch Hilfeverhalten zufriedenzustellen entwachsen. Man kann sich folglich eine gewisse Tendenz, Freude und Erfüllung beim helfen anderer zu empfinden kulturell aneignen. 

Wir alle kennen das auch aus unserem täglichen Leben, es gibt kaum schöneres, als anderen aus einer intrinsischen Laune heraus zu helfen.

Hilfe um des Helfens willen

Wir fassen zusammen:

Wird von einem erwartet, anderen zu helfen („role-related duty“), passiert es schnell, dass man dies als Einschränkung der persönlichen Freiheit, ja sogar als Quell für Unzufriedenheit war nimmt. Intrinsische Motivation zu helfen hingegen wird nicht nur als belastungsfrei, sondern auch als Ressourcendepot und sogar zur Befriedigung eines Bedürfnisses wahrgenommen und genutzt. 

Wie kommen nun also diese Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den Kulturen zustande? Warum kommen Inder und Amerikaner zu so vollkommen gegensätzlichen Einstellungen zum Helfen anderer?

Die Gretchenfrage der Hilfsbereitschaft

Hierfür bietet das Paper eine raffinierte Erklärung. Die Bewertung und das Erleben des Helfens ist abhängig von der sogenannten „Reziprozitätsnorm“ (ein wahrer Kracher beim Scrabble spielen“). Sie besagt ganz einfach, dass wenn mir jemand hilft, ich moralisch dazu verpflichtet bin, ihm/ihr auch zu helfen. Nun unterscheiden sich Amerikaner und Inder laut Miller in der Auslegung dieser Norm. Amerikaner würden diese Norm eher als Markt auslegen („reciprocal exchange norm“) getreu dem Motto: „wenn mir jemand hilft, entschädige ich ihn dafür entsprechend des Wertes der Tätigkeit, allerdings auf andere Weise“. Diese Auslegung birgt jedoch die Gefahr der Unsicherheit – wenn ich den Gegenüber entschädige, kaufe ich mich damit frei, kann also nicht sicher sein, dass mir zukünftig noch einmal geholfen wird. Andersherum gehe ich, wenn ich das Hilfeverhalten zeige, quasi in Vorkasse, weiß also nicht, ob mich der Gegenüber auch entschädigen wird. Die indischen Probanden hingegen legen die Norm eher als Gegenseitigkeit aus („communal norm of mutuality“), basierend auf der Annahme, dass sie, wenn sie auf die Bedürfnisse anderer eingehen, die Gewissheit erlangen, dass diese anderen auch auf ihre Bedürfnisse eingehen werden, egal, wer wie oft welche Bedürfnisse hat. Es ist hier also weniger auf das einzelne Event und viel weniger Kosten-Nutzen bezogen.

Und was soll das alles jetzt?

Es ist also durchaus möglich, aus so kleinen Aspekten, wie der Wahrnehmung von Hilfeverhalten und Erwartungen des Umfelds auf tiefgreifende und grundlegende Unterschiede im Verständnis von Reziprozität und Moralverhalten zu schließen und Theorien darüber zu bilden, wie kultureller Einfluss die Wahrnehmung und Bewertung jedes Einzelnen beeinflusst. Auch wenn wir heute nur einen verschwindend kleinen Teil der kulturellen Unterschiede von Moral und Ethik beleuchtet haben, kann man doch bereits an diesem Beispiel zeigen, wie verzweigt und komplex dieser Bereich ist. Nicht umsonst gelten Moral und Ethik als eine der höchsten Errungenschaften menschlichen Daseins.

Dieses, sehr komplexe, aber gleichsam interessante Thema war ein kleiner Einstieg in die Welt der kulturvergleichenden Psychologie. Es ist immer wieder spannend, wie stark die Unterschiede zwischen global bekannten, vermeintlich universellen Konzepten sind und wie tief diese in einer Kultur verankert sind.

Wenn ich jetzt mit diesem kleinen Ausflug euer Interesse an dem Phänomen der kulturvergleichenden Psychologie geweckt habe, habe ich euch mal einige Paper dazu in die Quellen gepackt.

Quellen:

Miller, J. G., Goyal, N., & Wice, M. (2017). A cultural psychology of agency: Morality, motivation, and reciprocity. Perspectives on Psychological Science, 12(5), 867-875.

 

Weitere Artikel:

Kärtner, J. (2018). Beyond dichotomies—(m) others‘ structuring and the development of toddlers‘ prosocial behavior across cultures. Current opinion in psychology, 20, 6-10.


Köster, M., & Kärtner, J. (2018). Context-sensitive attention is socialized via a verbal route in the parent-child interaction. PloS one, 13(11), e0207113.

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