3. Das kranke Ich Teil 2

Lesezeit: 3 Minuten

Grund zur Panik?

Wer jetzt denkt, „joa so ein Symptom hab ich und Sorgen mach ich mir auch, das ist es also..“ den kann ich beruhigen. Die 12-Monats-Prävalenz, also die Zahl der diagnostizierten Neuerkrankungen in Deutschland betrug 2011 5%, wohlgemerkt für alle Somatoformen Störungen, nicht allein für die Somatische Belastungsstörung. Natürlich, das ist nur Statistik, das schließt nicht aus, dass man selbst so eine Störung haben kann, aber bevor eine klinisch relevante Störung vorliegt muss schon einiges zusammenkommen. Die Checkliste mit der die Störung diagnostiziert wird, umfasst drei Kernkriterien. Das bereits erwähnte körperliche Symptom, die darauf bezogenen exzessiven Gedanken und die persistierende Belastung, meist über 6 Monate. Heisst, ab und an mal Sorgen bezüglich der eigenen Gesundheit aufgrund eines einmaligen Symptoms macht noch keine somatische Belastungsstörung aus, dafür muss das Symptom auch die ganze Zeit regelmäßig auftreten. Ferner müssen die symptombezogenen Sorgen auch mindestens 6 Monate am Stück auftreten und man sich intensiv mit diesen auseinandersetzen, bevor von einer Störung die Rede sein kann.

Dem Tode so nah?

Wenn übermäßige Gesundheitssorgen ohne ein vorliegendes Indiz die Betroffenen quälen spricht man hingegen von einer Krankheitsangststörung. Diese zeichnet sich durch 6 Diagnosekriterien aus. Zunächst muss eine übermäßige Beschäftigung mit einer ernsthaften Erkrankung der eigenen Person vorliegen, insbesondere ohne tatsächliche körperliche Symptome wahrzunehmen. Die Betroffenen sind hinsichtlich der eigenen Gesundheit extrem leicht zu beunruhigen und zeigen extreme gesundheitsbezogene Verhaltensweisen wie etwa „body checking“, also das intensive und mehrmalige Überprüfen der Unversehrtheit des eigenen Körpers, oder „maldaptive Vermeidung, also das Vermeiden von Arzt- oder Krankenhausbesuchen. Interessant ist auch, dass die Krankheit, vor der sich die Betroffenen fürchten, sich im Rahmen der 6 Monate in denen die Sorgen auftreten müssen, um eine Störung festzustellen, ändern kann.  Dementsprechend kann ein Betroffener beispielsweise die ersten drei Monate befürchten an einer Lungenentzündung zu leiden und aufgrund der medialen Präsenz des Themas zu der Überzeugung gelangen an dem Sars-Covid-19 Virus erkrankt zu sein.

Auch hier gilt, sich häufiger mal Sorgen zu machen, krank zu sein, ist an sich noch kein Problem. Wichtig ist, dass man die oben genannten Kriterien nicht erfüllt, also insbesondere in der Führung seines normalen Lebens nicht eingeschränkt wird und die Sorgen nicht dauerhaft über 6 Monate anhalten.

Den Ernst der Lage erkennen

Dies soll natürlich auch kein Appell dafür sein, Symptome zu ignorieren. Nimmt man Symptome wahr, ist es richtig und wichtig, diese überprüfen zu lassen, daraus ergibt sich noch lange keine psychologische Störung und lieber läuft man einmal zu viel zum Arzt und lässt sich tadellose Gesundheit bescheinigen, als bewusst Symptome zu ignorieren. Und auch einen zweiten Arzt für eine zweite Meinung aufzusuchen, kann durchaus vernünftig sein. Kritisch wird es jedoch, wenn auch das negative Urteil eines zweiten Arztes nicht zur Beruhigung der Sorgen beiträgt. 

Zusammengefasst und etwas vereinfacht gesagt, kann man festhalten: Sich um seine Gesundheit zu sorgen ist wichtig, nötig und keineswegs schon Ausdruck einer psychologischen Störung. Problematisch wird es, wenn marginale oder non-existente Symptome als Grund für eine schwerwiegende Erkrankung angeführt werden und aufgrund der Sorgen bezüglich der eigenen Gesundheit ein normales Leben nicht mehr möglich erscheint. Hilfe können hier die diversen psychologischen Beratungsstellen spenden, die einen gerne bezüglich psychologischer Störungen beraten.

Die gebotene Vorsicht

Eine Bitte zum Abschluss. Solltet ihr tatsächlich Sorge haben unter einen somatoformen Störung zu leiden informiert euch bei den entsprechenden offiziellen Stellen. Nutzt keine online-Tests oder fundiert euren eigenen Zustand anhand von Bog-Artikeln wie diesem hier. Artikel können euch einen Überblick über die theoretischen Hintergründe geben und auch vielleicht ein bisschen die komplexen Zusammenhänge dahinter beleuchten, aber zu keinem Zeitpunkt solltet ihr die nutzen, um zu entscheiden, ob ihr professionelle Hilfe braucht oder nicht. Dahingehend können euch einzig professionelle Stellen die richtigen Informationen geben.

Quellen:

 

DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental DIsorders)

Krings et al. (2019). Klinische Psychologie. Beltz Verlag.

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