Magie gegen Depression?

Einleitung

Psilocybin ist ein vielversprechendes neues medizinisches Mittel zur Unterstützung von Menschen mit behandlungsresistenten Depressionen oder einer schweren depressiven Störung, die nicht auf herkömmliche Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ansprechen. Es führt zu einer Reihe an Veränderungen im Gehirn, welche mit einer Abnahme der depressiven Symptome zusammenhängen könnten. Doch was passiert bei Depressionen eigentlich im Gehirn und wie kann eine halluzinogene Substanz hier helfen?

Was passiert bei Depressionen im Gehirn?

Depressionen sind gekennzeichnet durch wiederkehrendes grüblerisches Denken, starre neuronale Netzwerke und fehlende flüssige und flexible Gehirnverbindungen. Oft wird die „dynamische Flexibilität“ als Indikator dafür verwendet, wie häufig verschiedene Gehirnregionen ihre Zugehörigkeit zueinander wechseln. Ein höherer Grad an dynamischer Flexibilität innerhalb des Gehirns wird mit einer geringeren Trennung verschiedener neuronaler Netzwerke und einer ganzheitlicheren Vernetzung zwischen den Gehirnregionen in Verbindung gebracht. Studien fanden einen Zusammenhang zwischen der dynamischen Flexibilität und dem Schweregrad einer Depression: Eine geringere dynamische Flexibilität ist mit einer schweren Depression verbunden, während ein höheres Maß an dynamischer Flexibilität mit weniger depressiven Symptomen assoziiert wird. Der Mangel an dynamischer Flexibilität scheint die Vernetzung verschiedener Gehirnnetzwerke zu hemmen, wodurch grüblerisches Gedankenkreisen aufrechterhalten wird.

Was ist Psilocybin?

Psilocybin ist ein Psychodelikum und der Wirkstoff in psychedelischen „Zauberpilzen“, sogenannten Magic Mushrooms. Als Psychedelika werden halluzinogen wirksame Substanzen bezeichnet, die in höheren Dosierungen einen Rauschzustand auslösen können. Untersuchungen zeigten, dass die Verabreichung von 10-25 Milligramm Psilocybin in einem gut überwachten klinischen Umfeld dazu beitrug, Schaltkreise im Gehirn „zurückzusetzen“ und die depressiven Symptome bei Menschen mit schwerer depressiver Störung oder behandlungsresistenten Depressionen zu verringern.

Wie wirkt Psilocybin im Gehirn?

Trotz internationaler Forschungsbefunde ist die genaue Wirkung von Psilobycin und anderer Psychedelika (wie LSD) im Gehirn noch unklar. Psilobycin scheint das Gehirn von Menschen mit Depressionen flüssiger und flexibler zu machen, indem es die dynamische Flexibilität und flüssige Vernetzung des Gehirns verbessert. Es verringert die Modularität des Gehirns (also die starre Trennung von Bereichen) und erhöht die ganzheitliche Vernetzung mehrerer neuronaler Netzwerke. Dies kann den Teufelskreis des selbstbezogenen depressiven Grübelns unterbrechen. Diese positive Reaktion auf Psilocybin war in mehreren Untersuchungen schnell und anhaltend. Beispielsweise ging die Psilocybin-Therapie in einer Studie mit einer geringeren Modularität und erhöhten Zusammenarbeit der Gehirnnetzwerke einher, die mit einer Verringerung der depressiven Symptome sechs Monate nach der Behandlung zusammenhingen.

Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Antidepressiva?

Schwere Depressionen sind häufig durch starre und eingeschränkte Aktivitätsmuster des Gehirns gekennzeichnet. Die durch Psilocybin hervorgerufene dynamische Flexibilität kann Menschen mit schweren oder behandlungsresistenten Depressionen helfen, aus diesen Mustern auszubrechen. Es wirkt, anders als herkömmliche Antidepressiva, indem es das Gehirn flexibler und flüssiger macht. Dadurch ist das Gehirn nicht mehr so stark in den negativen Denkmustern verhaftet, die mit Depressionen einhergehen. Ein Vergleich der Behandlungen von Patient*innen mit Psilocybin vs. herkömmlichen Antidepressiva zeigte eine deutlichere Verringerung der depressiven Symptomatik bei der Psilocybin-Gruppe.

Fazit

Auch, wenn die Wirksamkeit von Psilocybin in der Behandlung von Depressionen über mehrere Studien hinweg konsistent nachgewiesen wurde, sind die Wirkmechanismen noch nicht ausreichend erforscht. Untersuchungen zeigen, dass Psilocybin zu Veränderungen im Gehirn führt, die mit der Verringerung der depressiven Symptomatik zusammenhängen könnten: Es verringert die Trennung der Netzwerke im Gehirn und fördert ihre Vernetzung. Bereits frühere Studien zeigten ähnliche Effekte im Gehirn bei der Einnahme eines Psychedelikums, allerdings besteht die Wirkung bei Psilocybin auch noch Wochen nach der Behandlung. Unklar ist aber auch an dieser Stelle, wie lang die positive Wirkung anhält.

ACHTUNG!

Keine Selbstmedikation mit Psychedelika

Die Behandlung mit Psilocybin erfolgte bei allen Studien in einer kontrollierten Umgebung und wurde von psychiatrischen Fachkräften reguliert. Proband*innen erhielten zu allen Zeitpunkten der Experimente medizinische und psychologische Unterstützung. Der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen ist immer mit Risiken verbunden!

Quellen

  • Richard E. Daws, Christopher Timmermann, Bruna Giribaldi, James D. Sexton, Matthew B. Wall, David Erritzoe, Leor Roseman, David Nutt & Robin Carhart-Harris. “Increased Global Integration in the Brain After Psilocybin Therapy for Depression.” Nature Medicine(First published: April 11, 2022) DOI: 1038/s41591-022-01744-z
  • Robin Carhart-Harris, Leor Roseman, Mark Bolstridge, Lysia Demetriou, J Nienke Pannekoek, Matthew B. Wall, Mark Tanner, Mendel Kaelen, John McGonigle, Kevin Murphy, Robert Leech, H. Valerie Curran, and David J. Nutt. “Psilocybin for Treatment-Resistant Depression: fMRI-Measured Brain Mechanisms.” Scientific Reports(First published: October 13, 2017) DOI: 1038/s41598-017-13282-7
  • Zachary T. Goodman, Sierra A. Bainter, Salome Kornfeld, Catie Chang, Jason S. Nomi, Lucina Q. Uddin. “Whole-Brain Functional Dynamics Track Depressive Symptom Severity.” Cerebral Cortex (First published: March 29, 2021) DOI: 1093/cercor/bhab047
  • Paul Hamilton Madison Farmer Phoebe Fogelman Ian H. Gotlib. “Depressive Rumination, the Default-Mode Network, and the Dark Matter of Clinical Neuroscience.” Biological Psychiatry(First published: February 24, 2015) DOI: 10.1016/j.biopsych.2015.02.020

Follow us on Instagram

Wie gut hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Teile diesen Artikel:

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on reddit

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

Agoraphobie

In diesem Artikel findest du die Antworten auf die Fragen:

Was ist eine Agoraphobie?
Was sind die Symptome?
Wann wird sie diagnostiziert?
Wie wird sie behandelt?
Was können Angehörige tun?

Read More »

„Dein Schmerz hat dich stärker gemacht“

Aussagen wie „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Dein Schmerz macht dich stärker“ zielen in aller Regel darauf ab, Menschen zu unterstützen, die belastende Erfahrungen gemacht haben. Doch die dahinter steckenden Annahmen und dadurch vermittelten Erwartungen können bei Betroffenen das genaue Gegenteil auslösen.

Read More »

Fühlen wir uns gesünder, wenn wir glücklicher sind?

Im Allgemeinen sind Menschen, die glücklicher sind, auch gesünder. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen unserer Lebenszufriedenheit und unserer Gesundheit zu geben. Doch wie sieht dieser Zusammenhang genau aus und kann eine Steigerung unserer Zufriedenheit dazu führen, dass wir uns gesünder fühlen?

Read More »

Borderline im Umfeld – Tipps für Angehörige

Borderline ist eine psychische Erkrankung, die die meisten zumindest vom Hören kennen. Für Betroffene gibt es verschiedene Hilfsangebote und Anlaufstellen wie Psychotherapeut*innen. Oft wirkt sich die Krankheit aber auch auf Personen im nahen Umfeld aus, zum Beispiel auf Partner*innen, Eltern oder gute Freund*innen, sodass auch Angehörige Hilfe und Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung wünschen würden. In diesem Beitrag könnt ihr ein paar Tipps finden, wie ihr gut auf euch achten könnt, wenn jemand in eurem nahen Umfeld von Borderline betroffen ist.

Read More »

Schreibe einen Kommentar