Borderline im Umfeld – Tipps für Angehörige

Das Leben mit Menschen, die unter Borderline leiden, kann viele Schwierigkeiten mit sich bringen. Je nach Stärke der jeweiligen Erkrankungen, werden Angehörige immer wieder mit Verhaltensweisen konfrontiert, mit denen sie vielleicht nur schwer umgehen können. Gerade bei dieser Erkrankung ist es wichtig für Nahestehende, gut auf sich selbst zu achten. Das ist leichter gesagt, als getan. Bevor wir uns damit befassen, wollen wir uns aber erstmal kurz ansehen, was Borderline überhaupt ist.

Was macht Borderline aus?

Menschen, die Personen mit dieser Diagnose nahestehen, wissen wahrscheinlich oft schon aus ihrem Alltag, was mit dieser Erkrankung einhergeht. Die Borderline-Störung gehört in die Gruppe der Persönlichkeitsstörungen und wird oft als Emotionsregulationsstörung bezeichnet. Betroffene erleben zum Beispiel starke Stimmungsschwankungen, zeigen Wutausbrüche oder impulsives Verhaltensweisen, empfinden quälende Leere, starke Scham und Selbstverachtung. Die Störung wirkt sich aber auch sehr auf Beziehungen aus: Die Betroffenen verspüren oft eine starke Angst vor Einsamkeit und dem Verlassenwerden. So können Verhaltensweisen, die einem selbst gar nicht als bedenklich aufgefallen wären, von Menschen mit Borderline schnell als bedrohlich erlebt werden und Angst auslösen, sodass sie sich bemühen, ein Verlassenwerden zu vermeiden. Außerdem wechselt ihre Sicht auf nahestehende Personen schnell zwischen Idealisierung und Verteufelung hin und her.

Die Erkrankung kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, aber auch individuell sehr verschieden verlaufen. Manche Menschen neigen eher zu Problemen in Beziehungen, andere eher zu Selbstverletzungen, suizidalem Verhalten und Impulshandlungen.

Was mache ich bei einem Verdacht?

Wenn man den Verdacht hat, eine nahestehende Person, wie z.B. Partner*innen, Freund*innen oder Familienmitglieder, könnten eine Borderline-Erkrankung (oder auch irgendeine andere psychische Erkrankung) haben, ist es wichtig, nicht vorschnell eine Diagnose in den Raum zu stellen und eine psychiatrische Behandlung einzufordern. Sowas kann dazu führen, dass die betroffene Person eher abwehrend und wütend reagiert.

Stattdessen kann es helfen, die Veränderungen, die man an diesem Menschen wahrgenommen hat, anzusprechen und nachzuhaken, wie die Person selbst das erlebt. Auch kann man dabei unterstützen, passende Anlaufstellen zu finden und, wenn die Person das wünscht, sie auch zu Terminen begleiten. Gerade bei Borderline ist es wichtig, sich in professionelle psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Was muss ich als Angehörige*r beachten?

Borderline wirkt sich stark auf zwischenmenschliche Beziehungen aus. Erstmal wollen wir nahestehenden Menschen helfen, wenn wir von einer solchen Diagnose erfahren. Dabei ist es aber auch sehr wichtig, gleichzeitig auf sich selbst zu achten, um unsere eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden weiter zu sichern. Was genau muss man da aber beachten?

  • Man hat keine Verantwortung dafür, dass die erkrankte Person wieder gesund wird
    • Auch bei Vorwürfen durch die erkrankte Person ist es wichtig, sich selbst immer wieder zu sagen, dass man nicht Schuld an der Erkrankung ist oder daran, wenn es der Person schlecht geht
    • Man sollte auch im Auge behalten, dass man keine Verantwortung dafür hat, dass sich der Zustand wieder bessert
    • Es ist auch nicht möglich, die psychische Erkrankung durch die Liebe zu der Person zu heilen
  • Man muss sich selbst schützen
    • Auch wenn die Personen es nicht wollen, können Borderline-Erkrankte verletzende Dinge sagen und tun
    • Hier ist es wichtig, sich selbst zu schützen
    • Das bedeutet nicht automatisch, dass man sich sofort trennen oder den Kontakt abbrechen muss, man sollte aber auch nicht alles ertragen, nur um in der Beziehung zu bleiben
    • Wenn diese zu destruktiv ist, kann eine Trennung zum Selbstschutz sinnvoll sein
    • Aber auch bei Fortführen der Beziehung (ob freundschaftlich oder romantisch) muss man auf sich achten, indem man zum Beispiel innere Distanz schafft
    • Es ist nicht Sinn der Beziehung, aus Angst vor weiteren Gefühlsausbrüchen zurückhaltender zu werden und eigene Bedürfnisse hinten anzustellen oder gar nicht mehr zu äußern
  • Man muss sich nicht selbstaufopfern
    • Natürlich möchte man die betroffene Person unterstützen und Rücksicht nehmen, was auch gut und hilfreich ist. Es ist auch normal Gefühle wie Sorge, Schuldgefühle oder auch Ärger zu haben
    • Gleichzeitig muss man aber eigene Grenzen einhalten und eigene Interessen vertreten
    • Es ist besonders wichtig, viel zu kommunizieren und Kompromisse einzugehen, mit denen beide Seiten leben können
    • Man sollte sich nicht selbst überfordern, indem man alles für die betroffene Person übernimmt oder sich selbst immer wieder zurückhält
    • Das bedeutet nicht, dass man nur völlig egoistisch handeln soll, aber man hat eben immer noch die Freiheit, manche Ansprüche und Forderungen der betroffenen Person abzulehnen
    • Sonst kann es passieren, dass die eigenen Bedürfnisse auf Dauer nicht mehr befriedigt sind, man zu viel aufgeben muss und so Wut auf und Vorwürfe gegen die erkrankte Person entwickelt
    • Es kann auch hilfreich sein, die Belastung durch die Erkrankung mit anderen zu teilen und Verantwortungen an Dritte abzugeben
  • Grenzen setzen
    • Es ist ganz wichtig, in der Beziehung Grenzen zu setzen
    • Das kann sein, dass man sich den Schwankungen des Betroffenen nicht anpasst aber auch, dass man seine eigenen Grenzen wahrnimmt und nicht überschreitet
    • Dazu gehört, für sich selbst, die eigene Meinung, Respekt und Unversehrtheit (sowohl physisch als auch psychisch) einzustehen
    • Auch sollte man aggressives oder impulsives Verhalten und auch Vorwürfe nicht persönlich nehmen
    • Besonders wenn solche Vorwürfe nicht gerechtfertigt sind, muss man keine Verantwortung für diese übernehmen
    • Hier kann es helfen, mit anderen darüber zu sprechen, um sich sicher zu sein, was berechtigte Vorwürfe sind und was vielleicht ungerechtfertigt ist
  • Eskalation vermeiden
    • Also lieber Distanzierungen oder Auszeiten einsetzen, als selbst wütend und aggressiv zu reagieren
    • Auch sollte man der betroffenen Person die Krankheit im Streit nicht vorwerfen
  • Aufpassen vor emotionaler Erpressung
    • Möglicherweise können in solchen Beziehungen auch Sätze fallen wie „Ich bringe mich um, wenn du… machst“
    • Es ist wichtig, nicht zuzulassen, dass die betroffene Person so bei einem Schuldgefühle erzeugt und vermeidet, sein Verhalten danach zu richten solche Konsequenzen zu vermeiden
    • Solche Aussagen entstehen oft aus Hilflosigkeit und Angst und es ist wichtig, Betroffenen hier eine Grenze zu setzen und Eigenverantwortung zu signalisieren
  • Es kann sehr hilfreich sein, sich selbst Beratung zu suchen. Es gibt auch spezielle Gruppen für Angehörige von Borderline-Erkrankten, die einem sehr helfen können, gut mit der Situation umzugehen
  • Es ist wichtig, trotz allen Schwierigkeiten die positiven Aspekte der Beziehung nicht zu vergessen. Man ist mit dieser Person aus einem Grund zusammen oder befreundet und sie bedeutet einem wahrscheinlich viel. Mit viel Offenheit, Ehrlichkeit und guter Kommunikation ist es möglich, auch trotz einer solchen Erkrankung eine gesunde Beziehung zu führen

Wenn eine Person eures Umfelds diese Diagnose aufweist und ihr bemerkt, dass euch das sehr belastet, ist es gut und wichtig sich frühzeitig Unterstützung zu holen! Sei es eine eigene Therapie, der Beitritt zu einer Selbsthilfegruppe oder das Lesen einiger Ratgeber. Zwei Beispiele für letzteres findet ihr auch in den Quellen für diesen Beitrag angegeben.

Follow us on Instagram

Quellen

  • Sendera, Alice; Sendera, Martina (Heidelberg : Springer Berlin Heidelberg, 2016): Borderline – Die andere Art zu fühlen. Beziehungen verstehen und leben. 2nd ed. 2016. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

  • Wagner, Elisabeth (Heidelberg : Springer Berlin Heidelberg, 2021): Psychische Störungen verstehen. Orientierungshilfe für Angehörige. 1st ed. 2021. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. Online verfügbar unter http://www.springer.com/.

Wie gut hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Teile diesen Artikel:

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on reddit

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

Agoraphobie

In diesem Artikel findest du die Antworten auf die Fragen:

Was ist eine Agoraphobie?
Was sind die Symptome?
Wann wird sie diagnostiziert?
Wie wird sie behandelt?
Was können Angehörige tun?

Read More »

„Dein Schmerz hat dich stärker gemacht“

Aussagen wie „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Dein Schmerz macht dich stärker“ zielen in aller Regel darauf ab, Menschen zu unterstützen, die belastende Erfahrungen gemacht haben. Doch die dahinter steckenden Annahmen und dadurch vermittelten Erwartungen können bei Betroffenen das genaue Gegenteil auslösen.

Read More »

Fühlen wir uns gesünder, wenn wir glücklicher sind?

Im Allgemeinen sind Menschen, die glücklicher sind, auch gesünder. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen unserer Lebenszufriedenheit und unserer Gesundheit zu geben. Doch wie sieht dieser Zusammenhang genau aus und kann eine Steigerung unserer Zufriedenheit dazu führen, dass wir uns gesünder fühlen?

Read More »

Borderline im Umfeld – Tipps für Angehörige

Borderline ist eine psychische Erkrankung, die die meisten zumindest vom Hören kennen. Für Betroffene gibt es verschiedene Hilfsangebote und Anlaufstellen wie Psychotherapeut*innen. Oft wirkt sich die Krankheit aber auch auf Personen im nahen Umfeld aus, zum Beispiel auf Partner*innen, Eltern oder gute Freund*innen, sodass auch Angehörige Hilfe und Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung wünschen würden. In diesem Beitrag könnt ihr ein paar Tipps finden, wie ihr gut auf euch achten könnt, wenn jemand in eurem nahen Umfeld von Borderline betroffen ist.

Read More »

Schreibe einen Kommentar