Gehirne sind nicht binär

Die biologischen Geschlechtsmerkmale sind sowohl bei Menschen als auch nichtmenschlichen Tieren divers und können nicht in zwei Kategorien – männlich und weiblich – eingeteilt werden. Neben Kombinationen von typisch männlichen und typisch weiblichen Körperteilen gibt es auch Körperteile, die zwischen typisch männlich und typisch weiblich liegen. Aber wie ist das bei Gehirnen?

Das Verhalten, dass zur Fortpflanzung gezeigt werden muss, wird durch das Gehirn gesteuert. Bei sich selbstbefruchtenden Arten besteigt in der Regel ein Männchen ein Weibchen, typischerweise in Folge einer Reihe an geschlechtsspezifischen Balzritualen. Es scheint also wahrscheinlich, dass sich die Gehirne zur Steuerung dieser sexuellen Verhaltensweisen unterscheiden, aber lassen sich Gehirne in eine binäre Klassifizierung (männlich/weiblich) einordnen?

Einige Hirnregionen weisen im Durchschnitt geschlechtsspezifische Unterschiede auf – zumindest bei einigen nichtmenschlichen Tieren. Beispielsweise unterscheiden sich einige Gehirnregionen bei Singvögeln und Nagetieren je nach Geschlecht in ihrer Größe. Bei Singvogelarten, bei denen die Männchen singen und die Weibchen größtenteils nicht, sind die mit dem Gesang verbundenen Hirnregionen bei den Männchen während der Brutzeit deutlich größer. Nagetiere weisen geschlechtsspezifische Größenunterschiede im Hypothalamus auf (einer Hirnstruktur, die unter anderem das Sexualverhalten steuert). Experimentellen Belegen zufolge werden diese Geschlechtsunterschiede im Gehirn und damit einhergehende Unterschiede im Sexualverhalten bei Nagetieren durch Geschlechtshormone verursacht. Dazu zählen insbesondere Androgene (wie Testosteron) und Östrogene. Weitere Befunde deuten darauf hin, dass Gene im Gehirn, zusätzlich zu den hormonell bedingten Geschlechtsunterschieden, auch direkte Geschlechtsunterschiede verursachen können. Aber rufen unsere Geschlechtschromosomen und pränatalen Hormone auch bei Menschen geschlechtsspezifische Gehirnunterschiede hervor?

Einige Befunde deuten darauf hin, dass es beim Menschen Regionen des Hypothalamus und verbundene Strukturen gibt, die im Durchschnitt einen Geschlechtsunterschied aufweisen. Die Funktionen dieser Hirnregionen sind unbekannt, allerdings könnten einige dieser Strukturen Regionen entsprechen, für die bereits bei Nagetieren Geschlechtsunterschiede nachgewiesen wurden. Neuere Studien untersuchen die Frage, ob die Größe dieser Hirnregionen auch mit der sexuellen Orientierung bei Menschen zusammenhängen könnte. Die Untersuchung einer Region des Hypothalamus, die bei Männern durchschnittlich größer ist als bei Frauen zeigte, dass diese Region bei homosexuellen Männern so groß ist wie bei Frauen und kleiner als bei heterosexuellen Männern. Allerdings waren die untersuchten Personen bereits verstorben, sodass die sexuelle Orientierung nur vermutet werden konnte. Studien an einer kleinen Stichprobe von Transgender- und Cisgender-Personen zeigten, dass die Größe einiger Regionen des Hypothalamus oder verbundener Strukturen mit dem empfundenen Geschlecht der Person zusammenhängt, nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen.

Insgesamt herrscht auf dem Gebiet geschlechtsspezifischer Unterschiede im menschlichen Gehirn große Unsicherheit und Uneinigkeit. Zum einen ist der Unterschied in Hirnregionen zwischen Frauen und Männern im Durchschnitt sehr gering, zum anderen sind die Methoden zur Messung des menschlichen Gehirns oft ungenau. Insgesamt lässt sich sagen, dass sich menschliche Gehirne nicht in weibliche und männliche Kategorien einteilen lassen. Die Geschlechtsunterschiede in menschlichen Gehirnregionen sind gering und uneinheitlich, selbst im Hypothalamus. Auch wenn eine Hirnregion z.B. bei Männern im Durchschnitt größer ist als bei Frauen, gibt es viele Frauen, bei denen diese Region größer ist als bei Männern. Eine Untersuchung zeigte, dass bei 23-53% der Personen mindestens eine Gehirnregion am typisch-männlichen und mindestens eine andere am typisch-weiblichen Ende lag. Im Gegensatz dazu lagen nur 0-8% der Personen durchweg entweder am typisch-männlichen oder typisch-weiblichen Ende. Bei der Mehrzahl der Menschen ist das Gehirn folglich ein „Mosaik“ aus geschlechtsspezifischen Eigenschaften, anstatt dass die Merkmale durchgängig an einem Ende des Geschlechtskontinuums liegen.

Unterschiede in Wahrnehmung und Verhalten bei Menschen könnten durch mikroskopisch kleine Unterschiede in den Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen. Wir haben Milliarden von Gehirnzellen und Billionen von Verbindungen zwischen ihnen, wodurch es zu einem enormen Spielraum für Variationen kommt. Zusätzlich verändern die Dinge, die wir lernen und die Ereignisse, die uns beeinflussen diese Verbindungen. Wenn wir Unterschiede im menschlichen Gehirn finden, ist es in der Regel nicht möglich zu sagen, ob die Ursache dafür in den Genen, den Hormonen, der Ernährung, der Erziehung, der Bildung, den Lebensereignissen, Medikamenten, Gewohnheiten oder einem Mix all dieser Faktoren liegt.  

Aber nicht nur die Gehirne und das Verhalten stellen bei Menschen ein Mosaik aus typisch männlichen, typisch weiblichen und dazwischenliegenden Merkmalen dar – auch auf die Chromosomen, Keimdrüsen und Genitalien trifft dies zu. Jede unserer biologischen Strukturen könnte als typisch weiblich, typisch männlich oder Zwischenform beschrieben werden. Unsere Biologie ist also nicht binär – weder bei Menschen, noch bei nichtmenschlichen Tieren. Dieser Annahme entsprechend gibt es keinen Konflikt zwischen unserer vielfältigen Psychologie und einer binären Biologie – sowohl beim biologischen als auch beim empfundenen Geschlecht handelt es sich um ein Kontinuum. Der eigentliche Konflikt besteht stattdessen zwischen unseren vielfältigen biologischen und psychologischen Merkmalen und unserer weitgehend binären Kultur, die oft versucht, (biologisch) vielfältige Menschen in eine von zwei Kategorien einzuordnen.

Quellen

  • Brains Are Not Binary. Human brains do not fit well into female and male categories. Ari Berkowitz Ph.D.
  • McCarthy, M.M. A new view of sexual differentiation of mammalian brain. J Comp Physiol A206, 369–378 (2020). https://doi.org/10.1007/s00359-019-01376-8
  • Hines, M. (2020). Neuroscience and sex/gender: Looking back and forward. Journal of Neuroscience40(1), 37-43.
  • Agate, R. J., Grisham, W., Wade, J., Mann, S., Wingfield, J., Schanen, C., … & Arnold, A. P. (2003). Neural, not gonadal, origin of brain sex differences in a gynandromorphic finch. Proceedings of the National Academy of Sciences100(8), 4873-4878.
  • Hines, M. (2020). Neuroscience and sex/gender: Looking back and forward. Journal of Neuroscience40(1), 37-43.
  • LeVay, S. (1991). A difference in hypothalamic structure between heterosexual and homosexual men. Science253(5023), 1034-1037.
  • Joel, D. (2021). Beyond the binary: Rethinking sex and the brain. Neuroscience & Biobehavioral Reviews122, 165-175.

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